Konzept


Grundlagen

Für uns geht eine gute Pädagogik immer vom Menschen aus. Das bedeutet, dass der Grundpfeiler unserer pädagogischen Arbeit die Beobachtung ist. Wir beobachten das einzelne Kind, die Gruppe und uns selber stets mit Bezug auf einander und auf die Umwelt. So halten wir uns offen, je nach Kind und Gruppe individuell zu agieren, zu reflektieren und zu reagieren.

Die Grundlage unseres Konzepts bildet darüber hinaus die Waldorfpädagogik, die aus feinster Wahrnehmung heraus entstanden ist und sich durch die genaue Beobachtung stetig weiterentwickelt. Die zwei Grundpfeiler der Waldorfpädagogik – Rhythmus sowie Vorbild und Nachahmung – prägen unseren Alltag und werden unten näher erklärt.

Daneben integrieren wir die Erfahrungen verschiedenster konzeptioneller Ansätze sowie der modernen Lern- und Hirnforschung in unsere pädagogische Arbeit. Lernen findet demnach nur statt, wenn der Mensch sich sicher geborgen fühlt und aufmerksam, also interessiert ist. Wir legen also größten Wert darauf eine echte, liebevolle Beziehung zu den Kindern zu pflegen und sie ihrem eigenen Impuls folgend sowie ihren individuellen Interessen und Stärken gemäß zu fördern.



Rhythmen

Alle Prozesse in der Natur verlaufen in Rhythmen: Ein- und Ausatmen; Tag und Nacht; Neu- und Vollmond; Frühling, Sommer, Herbst und Winter… In diese allgegenwärtigen Rhythmen hineinzufinden ist eine wichtige Aufgabe des Kindes im Kindergartenalter, denn diese Rhythmen prägen unser Empfinden von Zeit. Zudem bringen die uns mit der Erde und dem Kosmos in Verbindung, indem wir im Mitschwingen in Kontakt mit den größeren Zyklen des Universums sind.

Jeder Tag hat in unserem Kindergarten eine Struktur, die sich stets wiederholt. Nach dem Ankommen der Kinder versammeln wir uns zum Morgenkreis. Danach wird gefrühstückt und anschließend gespielt. Wir treffen uns vor dem Mittagessen zum Märchenkreis und gehen dann in die Ruhezeit. Begleitet wird dies von ritualisierten Sprüchen und Liedern, sodass die Kinder die Abläufe im Wiederholen schnell verinnerlicht haben. Das gibt ein Gefühl von Vorhersehbarkeit und Sicherheit. Zudem ermöglicht das Schwingen zwischen Anspannung und Entspannung, Aktivität und Ruhe den Kindern, harmonisch in Einklang mit sich und ihrem Körper zu kommen.

Die Woche hat auch einen festen Rhythmus. So malen wir jeden Montag mit Wasserfarben, Dienstag wird Brot gebacken, jeden Donnerstag ein Spaziergang durch die nähere Umgebung gemacht und jeden Freitag im Märchenkreis musiziert und gesungen. Die Mahlzeiten entsprechen dabei dem Rhythmus der anthroposophischen Getreidewoche (siehe unten).

Auch die größeren Zyklen des Jahreslaufes machen wir für die Kinder durch das Feiern der christlichen Jahresfeste, eine jahreszeitengemäße Gestaltung des Jahreszeitentisches und saisonale Nahrungsmittel erfahrbar und begreiflich.



Sinnhaftes Tun

"Was in der physischen Umgebung vorgeht, das ahmt das Kind nach, und im Nachahmen gießen sich seine physischen Organe in die Formen, die ihnen dann bleiben. Man muss die physische Umgebung nur in dem denkbar weitesten Sinne nehmen. Zu ihr gehört nicht etwa nur, was materiell um das Kind herum vorgeht, sondern alles, was sich in des Kindes Umgebung abspielt, was von seinen Sinnen wahrgenommen werden kann, was vom physischen Raum aus auf seine Geisteskräfte wirken kann. Dazu gehören auch alle moralischen oder unmoralischen, alle gescheiten und törichten Handlungen, die es sehen kann."

Rudolf Steiner: GA 303, 29. Dezember 1921


Im sinnhaften Tun der Erwachsenen nehmen die Kinder Tätigkeiten wahr, die sie im Freispiel nachahmen und dabei spielerisch lebenspraktische Fähigkeiten entwickeln können. Die Erwachsenen verrichten demnach in Gegenwart der Kinder verschiedenste haushälterische, handwerkliche und künstlerische Tätigkeiten. Vom Decken und Abräumen des Tisches sowie der Zubereitung der Mahlzeiten, über Waschen, Trocknen und Bügeln der Wäsche, über Garten- und Waldarbeiten, bis hin zu Basteln, Schnitzen, Tischlern, Malen, Bildhauen oder Konstruieren. Es wird getan, was das Leben fordert und was aus den Menschen an Impulsen emporsteigt. Die Kinder sind dabei, können die Erwachsenen beobachten und sind eingeladen, sich ihren Möglichkeiten entsprechend zu beteiligen. Das sinnvolle Tätigsein der Erwachsenen erzeugt eine Atmosphäre, in der es den Kindern leichtfällt, selbst in ein freies Spiel zu finden.



Freispiel

Im freien Spiel können die Kinder ihre inneren Impulse schöpferisch umsetzen, Erlebtes kann verarbeitet und neue Verhaltensweise erprobt werden. Das freie Spiel ist für uns der primäre Lernort für Kinder. Hier lernen sie vielfältigste Bewegungen, sinnliche Wahrnehmung, Kreativität, Sprechen und alle sozial-emotionale Kompetenzen: zuhören, Frustration aushalten, Gefühle wahrnehmen und zum Ausdruck bringen, Empathie, Teilen, Grenzen setzen und akzeptieren… Um der Bedeutung des Freispiels gerecht werden zu können, haben die Kinder in unserem Kindergarten lange Freispielzeiten.



Individuum und Gesellschaft

Wir versuchen dem schwierigen Spagat zwischen der Achtung des Einzelnen und der Achtung der Gemeinschaft gerecht zu werden, indem wir jedes Kind als das einzigartige Wesen sehen, anerkennen und fördern, das es ist.
Zugleich bemühen wir uns, die unausweichlichen Folgen des Lebens in Gemeinschaften erfahrbar zu machen und Respekt vor den Grenzen des Anderen zu wecken. Im Alltag wird der Einzelne gestärkt durch den rotierenden Kerzendienst, bei dem ein Kind das Vorrecht hat, die Kerze
im Morgen- und Märchenkreis zu entzünden und in der Küche bei der Zubereitung des Mittagessens zu helfen. Außerdem bringen Feste wie Michaeli, bei dem jedes Kind einzeln zeremoniell zum Ritter geschlagen wird oder das Adventgärtlein, bei dem jedes Kind seine Kerze in das
Adventgärtlein stellen darf. Insbesondere bei den Festen wird zudem das Gemeinschaftsempfinden geweckt und bekräftigt, indem die Erfahrung gemacht wird, dass gemeinsam gearbeitet, gefeiert und gespeist wird.
Auch alltäglich werden verschiedenste Erfahrungen von gemeinschaftlichem Zusammenhalt gemacht, wenn das Essen an jeden gleichermaßen verteilt wird, wenn wir uns im Kreis versammeln, wenn die Gruppe einen Spaziergang macht und Äpfel, Kastanien oder ähnliches sammelt. Beim
zusammen Spielen, Lachen, Weinen und Streiten wird die Verbindung zu sich und zu einander spürbar.



Natur und Sinneserfahrungen

„[Das Kind bis zum Zahnwechsel:] Es ist da ein großer Sinnesorganismus. Es nimmt die Eindrücke der Außenwelt nur so auf, wie die Sinne sie aufnehmen, die Eindrücke, die ausgehen von den Handlungen, aber auch von den Gedanken und Empfindungen der Erzieher. Das Kind ist, indem es hingegeben ist an die Umgebung, zu gleicher Zeit ein Wesen, das plastisch an seinem ganzen Menschen arbeitet.“

Rudolf Steiner: GA 304, 19. April 1922


Die moderne Hirnforschung belegt hundert Jahre später, wie stark sich die sensorische Wahrnehmung auf die Ausbildung des Nervensystems auswirkt. So bildet sich eine Grundstruktur des zentralen und peripheren Nervensystems aus, die lebenslang prägend ist. Dabei ist die Art der Wahrnehmung entscheidet dafür, ob sich gesund förderliche oder ungesund hinderliche Strukturen entwickeln. Aus diesem Grund bieten wir den Kindern vielfältige Möglichkeiten ihre Sinne zu schulen. Insbesondere achten wir auf eine natürliche Umgebung mit natürlichen Materialien. Denn an echten Erfahrungen bilden sich nützliche Nervenverknüpfungen heraus: die Grundlage jedes weiteren Lernens. Natürliche Materialien wie Holz, Stein, Lehm, Sand, Pflanzenfasern, Wolle und auch Metalle bieten eine riesige Fülle an Sinneserfahrungen. Glatte und raue Oberflächen, kalte und warme, runde und kantige. Unzählige Farben und Formen, Gerüche, Geschmäcker und Klänge sind von den verschiedenen Materialien wahrzunehmen. Die Innenräume sind auch deshalb aus Lehm und Holz beschaffen. Der Wald bietet darüber hinaus eine unendliche Vielfalt an sensorischen und motorischen Erfahrungsmöglichkeiten, denen sich das Kind zuwenden kann, aber nicht muss. Für jede Entwicklungsstufe und für jedes Interesse bietet der Wald immer neue Räume der Erfahrung und Verwirklichung. Deshalb wird viel Zeit des freien Spiels auf dem Außengelände verbracht. Die Abholzeit am Törchen sorgt zudem dafür, dass Kinder und Erzieher schon einmal durch den Wald gegangen sind, bevor der Kindergartenalltag beginnt. Dadurch haben sich alle schon einmal an der frischen Luft bewegt und die beruhigenden Farben und Gerüche des Waldes in sich aufgenommen.



Gesundheit

Körperliche, seelische und geistige Gesundheit sind die Grundvoraussetzung für die menschliche Entwicklung. Die Pflege der Gesundheit ist deshalb von großer Bedeutung. Gesundheitlich fördernd für den Körper und die Seele sind für uns: Liebe, Bewegung, Entspannung, frische Luft, Sonnenlicht, reines Wasser und vollwertige, pflanzenbasierte Ernährung.

Liebe zu sich seinen Mitmenschen und der Mutter Natur erleben die Kinder hier jederzeit durch achtsamen Umgang mit Mensch, Tier, Pflanze und Ding.

Bewegung haben die Kinder vor allem im freien Spiel. Doch auch beim Gang vom Törchen zum Kindergarten am Morgen, im Morgenkreis oder auf dem Spaziergang am Donnerstag können die Kinder sich körperlich stärken und erfahren.

Sei es im freien Spiel aus spontaner Notwendigkeit oder fest im Tagesablauf integriert während des Märchenkreises oder der Ruhezeit: Entspannung ist genau wie Bewegung essentiell für ein gesundes Wachsen und Leben. Eine gemütliche Kuschelecke und viele Rückzugsorte drinnen und draußen laden zur Ruhe ein und ermöglichen das natürliche Schwingen zwischen An- und Entspannung.

Frische Luft versorgt uns mit lebenswichtigem Sauerstoff und im Wald dazu mit beruhigenden und stärkenden Terpenen und anderen Geruchsstoffen. Auch Sonnenlicht hat lebenswichtige Wirkungen auf den Menschen. Das Draußenspiel bietet den Kindern diese gesundheitsfördernden Qualitäten, zu denen uns schon unsere Großeltern als Allheilmittel geraten haben.

Der größte Teil unseres Organismus besteht aus Wasser und tagtäglich müssen wir uns frisches, reines, schadstofffreies und vitales Wasser zuführen, denn alle Lebensprozesse sind auf eine gute Wasserversorgung angewiesen. Unser Trinkasser wird aus diesem Grund mit dem Umkehr-Osmose-Verfahren gefiltert, mit Sango-Meereskorallen remineralisiert und durch EM-Keramik und einen Wasserwirbler vitalisiert. Wir achten darauf, dass die Kinder im Laufe des Tages ausreichend klares Wasser oder natürlichen Tee zu sich nehmen.

Die Nahrung versorgt uns mit Energie und den lebensnotwendigen Makro- und Mikronährstoffen, sowie den feineren Lebenskräften. Wir bieten den Kindern ein vollwertiges und vegetarisches Frühstück und ein Mittagessen an, das überwiegend aus kontrolliert biologisch angebauten und möglichst regionalen und saisonalen Nahrungsmitteln frisch zubereitet wird. Dabei orientieren wir uns an der anthroposophischen Getreidewoche. Jeden Tag wird ein anderes Getreide angeboten, das die jeweilige Tagesqualität unterstützen soll (Montag: Reis, Dienstag: Gerste, Mittwoch: Hirse, Donnerstag: Roggen, Freitag: Hafer). Das Frühstück besteht aus Flocken oder Brei des entsprechenden Getreides und frei wählbarem frischem Obst, getrocknetem Obst und Kernen. Das Mittagessen folgt einem sich vierwöchig wiederholendem Essensplan.



Kunst, Gesang und bildhaftes Erleben

Im kreativen Gestalten verschiedenster Kunst- und Handwerke erfahren sich die Kinder als schöpferische Wesen und können etwas aus ihrem Innersten nach außen bringen. Beim Malen, Weben, Töpfern, Schnitzen oder beim Bauen und Konstruieren können sich die Kinder kreativ ausdrücken und etwas Eigenes erschaffen. Von der Idee über den Prozess des Gestaltens bis hin zum Produkt erleben sie sich als selbstwirksam und erlernen dabei wie nebenbei wichtige Fertigkeiten für das weitere Leben.

Beim alltäglichen Singen werden nicht nur die Sprache geübt und die Entwicklung des Sprachapparats gefördert, sondern auch hier kommen die Kinder mit sich selbst und der Gruppe in Kontakt. Die Erfahrung von „ich klinge“ und von „wir klingen“ vereint sich zum „wir sind gemeinsam“ und stärkt so das Selbstbewusstsein, die Empathie und das Gemeinschaftsgefühl. Jeden Freitag wird statt des Märchenkreises ein Musikkreis gemacht, bei dem jahreszeitlich passende traditionelle Volkslieder gesungen und mit Instrumenten begleitet werden.

Indem die Kinder Geschichten und Märchen erzählt und vorgelesen bekommen, wird die Sprache auf eine besondere, nicht alltägliche Weise kennengelernt und wertvolle Lebenserfahrungen mitgeteilt, ohne dass die Kinder persönlich belehrt werden. Jedes Kind kann sich die Lernerfahrung herausnehmen, die ihm gerade entspricht. In die bildhafte Sprache der Märchen können die Kinder mit Leichtigkeit eintauchen und so Teilhaben an der uralten, archetypischen Weisheit der Menschheitsgeschichte.



Demut und der Glaube an etwas Höheres

Fest in den Alltag integriert sind Gebete und Danksagungen. Vor und nach dem Essen danken wir Gott, der Erde und der Sonne für die Gaben, die uns zuteilwerden. Im Märchenkreis beten wir für Mut und die Liebe und zu unserem Schutzengel, dass er uns behüte. Der Glaube an etwas, das größer ist als der einzelne Mensch, das liebevoll behütend dem Menschen zugewandt ist und uns mit allem versorgt, was wir brauchen, gibt Kraft und Rückhalt. Die Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens selbstverständlich im Alltag zu erwecken, pflegt auf natürliche Weise das Bewusstsein über die Einzigartigkeit und Sensibilität der Natur und der Mitmenschen.